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Für Feministinnen und Hippies war er in den 70er Jahren das Feindbild schlechthin – der Büstenhalter. Heutzutage ist der BH aber wieder „Pflicht“: Kaum eine, die sich traut, ohne BH aus dem Haus zu gehen. Dabei wäre gerade das nach der Meinung von vielen Spezialisten eine sehr gute Idee – denn der BH steht schon lange im Verdacht Brustkrebs zu begünstigen. Was ist dran an diesem Argument und sollten auch wir in Zukunft ohne eine Bruststütze herumlaufen?

Korsetts, Wonderbras und Mieder – die „Einengung“ der Frau

Der BH ist nur das letzte Glied in einer langen Reihe von Kleidungsstücken, die Frauen einengten und stützen sollten: Mieder und Korsetts waren bis ins 20. Jahrhundert hinein Plicht und ab den 1920er Jahren begann der Siegeszug des BH. Wer kennt nicht den berühmten Kegel-BH oder den Wonderbra? Heute gibt es BHs in allen Formen und Farben – jede Frau steht täglich vor der Frage, ob sie einen Balconette, Push-Up oder trägerlosen BH tragen soll. Aber die Frage, ob der BH unserer Brust schadet, stellt sich kaum eine.

Dabei wird genau das schon lange kontrovers diskutiert: Begünstigen wir Brustkrebs, wenn wir über eine längere Zeit am Tag einen BH tragen? Die Positionen sind sehr gegensätzlich: Auf der einen Seite stehen wissenschaftliche Studien, Onkologen und Frauenärzte, die den BH für schädlich halten. Auf der anderen bestreiten solche großen Organisationen wie die American Cancer Society and die Susan G. Komen Foundation – die größte Brustkrebs-Organisation in den USA – jegliche Verbindung zwischen BHs und Brustkrebs. Sie stellen die Studien, in denen Brustkrebs mit BHs in Verbindung gebracht wird, in Frage.

Große Wellen schlägt insbesondere das Buch der US-amerikanischen Mediziner und Anthropologen Sydney Ross Singer und Soma Grismaijer. „Dressed To Kill: The Link Between Breast Cancer and Bras“ zeichnet ein überzeugendes Bild von dem Zusammenhang zwischen engen Büstenhaltern und Brustkrebsdiagnosen. Die Forschung, die die Mediziner im Buch zitieren, wird aber von den Riesen der amerikanischen Gesundheitsindustrie als „Mogelpackung“ bezeichnet, da die Studiendesigns inakzeptabel seien.

Singer und Grismaijer rufen dazu auf, diese Organisation zu boykottieren und sich stattdessen selbst schlau zu machen. Tatsächlich sind ihre Ergebnisse überzeugend: In ihrer Forschung untersuchten die Mediziner die BH-Gewohnheiten von Frauen mit und ohne Brustkrebs. Das Ergebnis: Frauen, die keinen BH tragen, haben dieselbe Häufigkeit einer Brustkrebsdiagnose wie Männer! Je enger und je länger aber eine Frau einen BH trug, desto anfälliger wurde sie für Brustkrebs.

Mythos oder Wahrheit? Ist der BH schädlich oder nicht?

Seit mehr als zwanzig Jahren wissen die großen Gesundheitsorganisationen über diese Forschung Bescheid, aber immer noch tun sie es als einen Mythos ab. Doch warum nehmen die Organisationen die Forschung der Mediziner nicht ernst? Warum sind sie nicht zumindest bereit eine ernsthafte Debatte darüber zu führen, wenn sogar einige Lingerie-Unternehmen Patente für weniger einengende – und damit wahrscheinlich gesündere – Büstenhalter angemeldet haben?

Fakt ist, dass diese Organisationen den Brustkrebs bekämpfen wollen. Sie konzentrieren sich dabei aber eher auf eine frühzeitige Diagnose und wirksame Behandlung als auf Vorbeugung. Könnte es daran liegen, dass sie Spenden von Dessous-Unternehmen annehmen? Sydney Ross Singer und andere Mediziner führen die zögerliche Haltung dieser Organisationen darauf zurück, dass sie die Mammographie als primäres Verfahren für das Brustkrebs-Screening erhalten wollen.

Wem soll man also Glauben schenken? Wenn man bedenkt, dass in Deutschland jährlich rund 69.000 Frauen an Burstkrebs erkranken, dass fast 30 Prozent der betroffenen Frauen bei der Diagnose jünger als 55 Jahre sind, und dass Brustkrebs hierzulande die mit Abstand häufigste Krebserkrankung bei Frauen ist, sollte man die Forschungsergebnisse von Ross Singer, Grismaijer und anderen nicht einfach abtun.

Ein lockerer BH – weniger Risiko?

Wenn auch nur der Verdacht besteht, dass BHs Brustkrebs fördern, sollten Frauen dies erfahren und selbst entscheiden, wie sie mit dieser Information umgehen. Denn was wäre, wenn es tatsächlich weniger Brustkrebs-Diagnosen gäbe, nur weil man den BH lockert oder ihn weniger eng trägt? Was wäre, wenn man einen BH ohne Bügel trägt oder gar keinen BH? Leider ist das keine einfach durchzusetzende Entscheidung, denn längst ist der BH ein sexualisiertes Kleidungsstück und im Alltag ohne BH herumzulaufen ist geradezu verpönt.

Es ist dasselbe Dilemma, wie die Frage, ob man Deodorants benutzen sollte, die Aluminium enthalten. Seit Jahren wird darüber diskutiert, ob aluminiumhaltige Deos das Risiko für Brustkrebs erhöhen: Es gibt Studien, die genau darauf hinweisen. Ob es stimmt, bleibt weiterhin unklar aber auch hier gilt: Es tut nicht weh sich eine Alternative zu einem aluminiumhaltigen Deo zu suchen. Dasselbe gilt für die BH-Auswahl. Wenn auch nur die Möglichkeit besteht, dass ein einengender BH Burstkrebs fördern könnte, wäre es dann nicht besser eine Option zu wählen, die „sicherer“ ist?

Brustkrebs geht sicherlich nicht nur auf eine einzige Ursache zurück und oft ist die Forschung umstritten oder unklar. Mit Sicherheit lässt sich nicht sagen, was Brustkrebs begünstigt und was nicht. Vor diesem Hintergrund scheint es kurzsichtig den BH als mögliche Ursache für Brustkrebs abzutun. Auch sich einzig auf die Früherkennung und eine wirksame Behandlung zu verlassen, scheint unsicher. So ist die Mammographie als Verfahren längst nicht überall anerkannt: In der Schweiz wurde das Verfahren gar abgeschafft mit der Begründung, dass die Mammographie wenig effektiv sei. In Frankreich werden währenddessen Studien durchgeführt, die den Nutzen des Verfahrens unter die Lupe nehmen. Die Mammographie ist auch deshalb kontrovers, weil die Brust während eines Mammographie-Screenings zwischen zwei Plexiglasscheiben möglichst flach zusammengedrückt wird. Die Frage, ob diese aggressive Manipulation von Brustgewebe ebenfalls Brustkrebs förderlich sein könnte, ist ungeklärt oder konnte zumindest nicht durch bisher durchgeführte Studien wiederlegt werden. Auch ein BH formt die Brust jeden Tag stundenlang in eine bestimmte Form. Ist es da abwegig zu glauben, dass dies einen negativen Effekt auf das Brustgewebe hat?

Fazit: Das Risiko zu minimieren lohnt sich

Wem soll man glauben? Wer hat die größere Glaubwürdigkeit? Eine Gesundheitsorganisation oder einzelne Mediziner? Fakt ist, dass es Forschung gibt, die den Zusammenhang zwischen Brustkrebs und BHs zeigen, aber keine Forschung, die dies widerlegt. Sowohl die American Cancer Society als auch der American Council on Science and Health können die Forschungsergebnisse von Singer, Grismaijer und anderen Medizinern nicht widerlegen.

Die Entscheidung liegt letztendlich bei jedem selbst. Wenn es aber nur eine minimale Chance gibt, dass BH tatsächlich Brustkrebs auslösen könnten, ist es eine Überlegung wert wenigstens ein Modell auszusuchen, dass die Brust nicht zu sehr verformt oder tatsächlich öfter ganz auf den BH zu verzichten, oder nicht?